
– Traditionssport mit großer Geschichte und Deutscher Meisterschaft im Jubiläumsjahr –
Theodor Storm hat im Jahr 1888 in „Der Schimmelreiter“ geschrieben: „ Auf der weiten Weidefläche, die sich zu Osten an der Landseite des Deiches entlang zog, sah man am Nachmittag darauf eine dunkle Menschenmasse bald unbeweglich stillstehend, bald, nachdem zweimal eine hölzerne Kugel aus derselben über den durch die Tagessonne jetzt vom Reif befreiten Boden hinweg geflogen war, abwärts von den hinter ihr liegenden langen und niedrigen Häusern allmählich weiterrücken; die Parteien der Eisboßler in der Mitte umgeben von alt und jung ... und aller Augen verfolgten immer wieder die fliegende Kugel, denn an ihr hing heute für das ganze Dorf die Ehre des Tages.“
Die erste urkundliche Erwähnung dieses Heimatsports in Schleswig-Holstein geht auf das Jahr 1480 zurück. In den früheren Jahren war das Boßeln eine Domäne der Landwirte, Knechte, Deichbauern und Krabbenfischer. Im Winter lagen die Felder brach, hatten die Krabben ihre Ruhe vor den Fischern und die Menschen Zeit, ihrem Freizeitvergnügen nachzugehen. Auch gab es früher noch nicht die vielfältigen anderen Sportarten wie Tennis, Hand- und Fußball usw. Damals hatten die Gehöfte zehn, fünfzehn oder mehr Knechte und so forderte ein Landwirt einen etwa gleichstarken Gegner heraus, oder ein Dorf ein anderes Dorf, und dann zogen die Boßler und die „Schlachtenbummler“ (das sind die Zuschauer), gemeinsam über das Gelände, wie oben im Schimmelreiter beschrieben.
In diesem Jahr kann der Boßelverein „Achtung“ Wesselburen sein 125-jähriges Jubiläum feiern. Es gibt wohl nichts, was dieser Boßelverein nicht mitgemacht hat: zwei Weltkriege, großartige Jahre mit vielen Erfolgen, aber auch bittere Niederlagen. In den Vorkriegsjahren und in den 50er bis 60er Jahren gehörte „Achtung“ zu den stärksten Boßelvereinen in Schleswig-Holstein. Ende der 60er Jahre bröckelte das Interesse am Boßeln etwas ab. Dazu gehörten auch Auflösungen von Untergruppen. Der „Westbund“ (Hellschen-Heringsand-Unterschar) und auch der „Ostbund“ (Oesterwurth) lösten sich in den 60er Jahren ganz auf. Die Untergruppe Schülp/Wesselburenerkoog ruhte von 1967 bis 1987 und wurde erst dann wieder aktiv. Diese Talfahrt wurde erst in den 80er Jahren gebremst, als es nicht nur Feldkämpfe von „Achtung“ Wesselburen gab, sondern vermehrt die Untergruppen Feldkämpfe auch untereinander bestritten.
Große Veranstaltungen wurden ausgeführt. So richtete „Achtung“ Wesselburen auch die schleswig-holsteinischen Verbandsfeste in den Jahren 1908, 1955, 1959, 2001 und 2017 aus, die teilweise mit über 500 aktiven Boßlern besucht wurden. Auch Unterverbandsfeste (Kreismeisterschaften) wurden vielfach von „Achtung“ ausgerichtet. Und in diesem Jahr werden die Deutschen Boßelmeisterschaften in der Zeit vom 14. bis 16. Mai 2026 von „Achtung“ ausgerichtet.
Die Erfolge ließen auch nicht auf sich warten. „Achtung“ Wesselburen errang 1967 den Mannschaftstitel bei Verbandsmeisterschaften und konnte achtmal den Verbandsmeister stellen. Herausragende boßlerische Einzelleistungen erzielten bei Verbandsmeisterschaften mit Erringung der Leistungsplakette „Gold mit Eichenlaub“ (das sind mindestens 255 m in drei Würfen) im Jahre 1936 Helmut Haack mit 255 m, Karl-Heinz Schmielau 1964 mit 261 m und 1985 Bernhard Pries mit 255,5 m. Die persönlichen Bestleistungen von Helmut Haack waren im Jahre 1932 263 m, von Karl-Heinz Schmielau 1966 mit 277 m und 1987 von Bernhard Pries mit 268,5 m.
In damaliger Zeit wurde viel geboßelt und auch geübt. „Achtung“ Wesselburen konnte in den 50er und 60er Jahren vielfach zwanzig Boßler aufbieten, die konstant über 70 m weit boßelten. Diese Weiten sind heute eher selten in „Achtung“ Reihen. Andere Sportarten wie Handball, Fußball, Volleyball, Schwimmen waren damals nicht so aktuell. Sie wurden erst durch die Medien, sowie durch die bessere Mobilität interessanter. Daher ist der Boßelsport nicht mehr so „in“. Um große Weiten zu erzielen, muss aber stetig geübt werden.
André Peterson und Janne Martens sind derzeit durch Talent und üben die Spitzenboßler von „Achtung“ Wesselburen mit Leistungen von über 80 m pro Wurf. Damit gehören sie auch zu den Spitzenboßlern in Schleswig-Holstein. Janne Martens wurde 2022 bei der Europameisterschaft in Ostfriesland Junioren-Europameister mit 235,80 m und siegte auch mit der schleswig-holsteinischen Mannschaft. Weitere großartige Erfolge erzielte André Peterson bei der EM 2022 mit dem Mannschaftsieg im Standboßeln. Bei der deutschen Meisterschaft in Ostfriesland im Jahr 2018 wurde er mit der Mannschaft deutscher Meister und erreichte 238,75 m, zusammen mit Maik Bruhn (232,40 m). Bei der EM in Holland 2016 wurde André Vize-Europameister mit der Mannschaft und erreichte 248,79 m zusammen mit Maik Bruhn (213,20 m).
Maik Bruhn wurde 2014 deutscher Meister im Einzel mit 240,35 m und errang auch mit der Mannschaft den 1. Platz. In der Disziplin Feldboßeln ist Hans-Dieter Seider bisher der einzige Athlet aus „Achtung“-Reihen, der es auf das Treppchen schaffte und wurde 1988 in Ostfriesland Vize-Europameister. Beim Straßenboßeln hat aus heutiger Sicht Marcel Bruhn die Qualifikation für die Deutsche Meisterschaft 2026 überstanden. Die Qualifikationen im Stand- und Feldboßeln werden im April stattfinden.
Ein großes Plus bei „Achtung“ waren immer die Jugendveranstaltungen. Teilweise 70 Jungen und Mädchen nehmen an den Boßelveranstaltungen teil. Jede Untergruppe hat seinen eigenen Vorstand und somit auch einen eigenen Jugendwart. Diese Jugendwarte arbeiten dem Jugendwart von „Achtung“ Wesselburen zu. Mehrere Landes- und Kreissieger konnten aus „Achtung“-Reihen großartige Erfolge erzielen. In früheren Zeiten haben auch die Schulen vermehrt den Boßelsport unterstützt. Das fehlt teilweise oder auch ganz.
Zum Vereinsgebiet von „Achtung“ Wesselburen gehören heute die vier Untergruppen: „Nordbund“ Norddeich (gegründet 1902), Schülp/Wesselburenerkoog (gegründet 1909), „Südbund“ Reinsbüttel und Süderdeich/Wesselburen (beide gegründet 1912).
Immer gab es Männer, die einen Vorstand bildeten und sich für diesen Verein einsetzten. So hat es in diesen 125 Jahren „nur“ elf 1. Vorsitzende gegeben.
Von der Gründung am 14. Januar
1901 bis 1910: Th. Andresen
1910 bis 1921: Jacob Kern
1921 bis 1932: Johannes Krey
1932 bis 1946: Willi Hink
1946 bis 1955: Hermann Haack
1955 bis 1956: Gustac Jasper
1956 bis 1962: Helmut Haack
1962 bis 1986: Willy Thode
1986 bis 2001: Uwe Hinz
2001 bis 2004: Wolfgang Kühl
2004 bis heute: Hauke Hinz
Eine Ausnahmeerscheinung ist dabei Willy Thode, der von 1956 bis 2001 durchgehend im Vorstand war. Auch danach noch hat Willy bis kurz vor seinem Tode im Jahre 2017 die Jugendgruppe von Süderdeich sehr erfolgreich mit betreut. Willy wurde im November 1989 einstimmig zum „Ehrenvorsitzenden“ von „Achtung“ Wesselburen gewählt.
Zum aktuellen Vorstand gehören:
1. Vorsitzender Hauke Hinz
2. Vorsitzender André Peterson
1. Kassenwart Hanns Christoph Diener
2. Kassenwart Lennard Kröger
1. Schriftführer Saskia Block
2. Schriftführer Dirk Kern
1. Jugendwart Marcel Bruhn
2. Jugendwart Hans-Hermann Ohm
1. Obmann Michael Bruhn
2. Obmann Uwe Hinz
Pressewart: Hans-Hermann Ohm
Norddeich: Dirk Kern
Reinsbüttel: Lennard Kröger
Schülp: Ralph Martens
Süderdeich: Sascha Lahrssen
Ehrenmitglied ist Otto Schiefelbein
Es gab auch Schicksalsschläge. Schwer getroffen wurde die Geschichte von „Achtung“ Wesselburen, als 1981 das Vereinslokal in Wesselburen niederbrannte. Sämtliche Trophäen, Pokale und „goldene“ Boßeln wurden Brandopfer und sind ein unwiederbringlicher Verlust.
Seit 1977 haben sich auch die Frauen in Untergruppensparten gegründet. Zuerst beim „Nordbund“ Norddeich, dann vor einigen Jahren beim „Südbund“ Reinsbüttel und im vergangenen Jahr in Süderdeich. Aktuell machen sich zwei Frauen Hoffnungen, bei den diesjährigen deutschen Meisterschaften mitzuboßeln: Saskia Block im Standboßeln und Stefanie Stuck im Straßenboßeln.
Die diesjährige Deutsche Meisterschaft, die vom 14. bis 16. Mai von „Achtung“ Wesselburen ausgerichtet wird, ist auch für Zuschauer interessant.
Am 14. Mai ist Anreisetag.
Am 15. Mai ist vormittags Feldboßeln im Sommerkoog.
und nachmittags Standboßeln an gleicher Stätte.
Am 16. Mai ist Straßenboßeln im Katinger Watt.
Es gibt noch eine weitere Jubiläumsveranstaltung.
Am 11. April wird „Achtung“ Wesselburen das Gruppenboßeln der vier Untergruppen abhalten. Dazu werden auch die Winterfeldkampf-Gegner mit einer 6er-Mannschaft eingeladen. Auch hier sind Zuschauer willkommen. Das Fest wird dann am 02. Mai sein. Boßelort und Festort werden noch bekannt gegeben.
Der Boßelsport ist ein Heimatsport. Und wie heißt es weiter in Theodor Storms „Der Schimmelreiter“: „Da flog es wie eine Stahlkraft in Haukes Arm, er neigte sich ein wenig, er wiegte die Boßel ein paarmal in der Hand, dann holte er aus und eine Todesstille war auf beiden Seiten, alle Augen folgten der fliegenden Kugel, man hörte ihr Sausen, wie sie die Luft durchschnitt.... – „Hurra für Hauke!“ riefen die Marschleute und lärmend ging es durch die Menge: „ Hauke! Hauke Haien hat das Spiel gewonnen!“
Text: Hans-Hermann Ohm
