
– Jetzt müssen nachhaltige Lösungen folgen –
Mehrere hundert Menschen kamen am 19. August zur Einwohnerversammlung in die Eider-Nordsee-Schule. Schon diese Zahl zeigt, wie sehr das Thema Wesselburen inzwischen bewegt. Es ging um Ruhestörungen, illegale Müllentsorgung, Probleme im öffentlichen Raum und Konflikte zwischen Einwohnern und vorwiegend rumänischen Arbeitskräften.
Dabei ist eines unbestritten: Die Menschen aus Rumänien werden gebraucht. Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion sind auf Arbeitskräfte angewiesen, die Tätigkeiten übernehmen, für die sich vor Ort kaum noch genügend Beschäftigte finden. Sie arbeiten auf den Feldern, in landwirtschaftlichen Betrieben und tragen dazu bei, dass regionale Erzeugnisse überhaupt zu konkurrenzfähigen Preisen produziert werden können.
Doch Arbeitskräfte sind gleichzeitig Einwohner, Nachbarn und Familien. Wer Menschen zum Arbeiten in die Region holt, muss deshalb auch die Frage stellen, unter welchen Bedingungen ein Zusammenleben dauerhaft funktionieren kann.
In Wesselburen leben mittlerweile rund 700 Rumänen dauerhaft. Bei einer Stadt mit rund 3.500 Einwohnern bedeutet das eine erhebliche Veränderung innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit. Während der Erntesaison kommen zahlreiche weitere Arbeitskräfte hinzu. Eine kleine Stadt muss diese Entwicklung bewältigen – bei Wohnungen und Schulen ebenso wie bei Integration, öffentlicher Ordnung und Polizei.
Dass dabei Probleme entstanden sind, ist keine Vermutung mehr. Bürgermeister Holger Ehlers zeigte während der Einwohnerversammlung Bilder von illegal entsorgtem Müll, Schlachtabfällen und Vandalismus. Vor allem Ruhestörungen beschäftigen viele Einwohner.
Die Zahlen der Polizei lassen aufhorchen: Bis Mitte des Jahres wurden 83 Ruhestörungen gemeldet. In neun Fällen stellte die Polizei eine Ordnungswidrigkeit fest. Geahndet wurde eine.
Genau hier beginnt das Gefühl der Ohnmacht, von dem viele Betroffene berichten.
Was soll ein Bürger tun, wenn nachts wiederholt die Ruhe gestört wird? Er kann das Gespräch suchen. Er kann das Ordnungsamt informieren. Er kann die Polizei rufen. Doch wenn sich an der Situation dauerhaft nichts ändert, verliert er irgendwann das Vertrauen darauf, dass geltende Regeln auch tatsächlich durchgesetzt werden.
Die Einwohner haben nun eine weitere Möglichkeit genutzt: Sie haben Unterschriften gesammelt, Öffentlichkeit hergestellt und sich gemeinsam Gehör verschafft.
Das hat Wirkung gezeigt.
Der zuständige Polizeichef Frank Matthiesen kündigte während der Versammlung an, künftig konsequenter gegen wiederholte Ruhestörungen vorzugehen. Die Polizei wolle ihre Toleranzgrenze „auf unbestimmte Zeit“ herunterschrauben und beispielsweise bei erneuten Verstößen schneller Musikboxen sicherstellen.
Das ist ein wichtiges Signal.
Es wirft aber zugleich Fragen auf. Warum bedurfte es zunächst zahlreicher Beschwerden, einer Unterschriftensammlung und einer Versammlung mit mehreren hundert Menschen? Was bedeutet „auf unbestimmte Zeit“? Wie sieht die Situation in einem halben Jahr aus? Und was geschieht, wenn die verstärkte Aufmerksamkeit irgendwann wieder nachlässt?
Geltendes Recht kann keine vorübergehende Maßnahme sein. Es gilt für jeden Menschen – unabhängig davon, ob seine Familie seit Generationen in Wesselburen lebt oder ob er erst vor wenigen Monaten aus Rumänien gekommen ist.
Ebenso wenig dürfen sämtliche rumänischen Einwohner für das Fehlverhalten Einzelner verantwortlich gemacht werden. Bei der Einwohnerversammlung beklagten rumänische Teilnehmer genau diese pauschale Verurteilung. Auch das gehört zur Wirklichkeit in Wesselburen.
Integration verlangt deshalb etwas von beiden Seiten. Sie benötigt Offenheit und die Bereitschaft, miteinander zu leben. Sie verlangt aber ebenso die Anerkennung der Regeln des Landes, in dem man lebt.
Die Stadt versucht seit Jahren, Integration zu fördern. Das Land Schleswig-Holstein stellte 2024 noch einmal 50.000 Euro für eine interkulturelle Schnittstelle zwischen rumänischen und einheimischen Einwohnern bereit. Begegnung, Sprachförderung und gegenseitiges Verständnis bleiben wichtig.
Doch Integration kann nicht allein durch Begegnungsangebote entstehen.
Wo Gesetze und Regeln verletzt werden, müssen sie durchgesetzt werden. Wo viele Menschen auf engem Raum zusammenleben, müssen Wohnverhältnisse betrachtet werden. Wo ausländische Arbeitskräfte in großer Zahl beschäftigt werden, dürfen sich auch deren Arbeitgeber nicht aus der gesellschaftlichen Verantwortung verabschieden. Und wo eine kleine Polizeistation den Anforderungen nicht mehr gewachsen ist, muss das Land über Personal und Präsenz sprechen.
Die Einwohnerversammlung könnte deshalb ein Wendepunkt sein.
Die Bürger haben deutlich gemacht, dass die Situation sie beschäftigt und teilweise erheblich belastet. Polizei, Behörden und Politik haben dieses Signal gehört.
Nun muss aus dem Zuhören dauerhaftes Handeln werden.
Denn die entscheidende Frage lautet nicht, wie lange in Wesselburen jetzt stärker kontrolliert wird.
Sondern wie Wesselburen wieder zu einem Ort werden kann, an dem Menschen unterschiedlicher Herkunft miteinander leben können – und jeder darauf vertrauen darf, dass für alle dieselben Regeln gelten.
Text & Bilder: Hartmut Schmidt